Eine mysteriöse Krankheit, ein rascher körperlicher Verfall und ein Tod mit nur 35 Jahren – kaum ein Ende eines Genies ist so umstritten wie das von Wolfgang Amadeus Mozart. Hinter der romantisierten Vorstellung des sanft entschlafenen Komponisten verbirgt sich eine deutlich dunklere Realität. Zeitgenössische Berichte sprechen von schweren Schwellungen, Hautveränderungen und quälenden Schmerzen. Was genau Mozart tötete, beschäftigt Mediziner und Historiker bis heute – und neue Analysen werfen ein überraschend anderes Licht auf seine letzten Wochen.
Im Spätherbst 1791 war Mozart eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Kreativität. Trotz finanzieller Sorgen arbeitete er gleichzeitig an mehreren Projekten. Freunde berichteten, er wirkte erschöpft, aber geistig hellwach. Dann kam plötzlich das Fieber. Innerhalb weniger Tage verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Seine Ehefrau Constanze schrieb später, sein Körper sei ungewöhnlich angeschwollen gewesen, besonders Hände, Füße und Gesicht – ein Symptom, das moderne Ärzte sofort hellhörig macht.
Ein Arzt aus dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus notierte damals in seinem Protokoll eine „akute hitzige Krankheit mit Ausschlag“. Die genaue Beschreibung blieb vage, doch Archivmaterial deutet auf eine systemische Entzündung hin. Ein heutiger Medizinhistoriker, Dr. Andreas Huber, erklärt: „Das passt zu einer schweren Infektion, möglicherweise kombiniert mit Nierenversagen. Die Schwellungen sind typisch für Flüssigkeitseinlagerungen.“
Besonders rätselhaft sind die Berichte über Veränderungen der Haut. Zeitzeugen erwähnten Flecken und eruptive Erscheinungen. Diese Details wurden lange ignoriert oder als Übertreibung abgetan. Erst in den letzten Jahren begannen Forscher, diese Hinweise ernst zu nehmen. Eine Dermatologin aus Salzburg sagte dazu: „Wenn man alle Quellen zusammenlegt, ergibt sich ein Bild, das zu bestimmten bakteriellen Erkrankungen passt – etwa Streptokokkeninfektionen mit toxischer Reaktion.“
Auch die Behauptung, Mozart sei vergiftet worden, hält sich hartnäckig. Schon kurz vor seinem Tod soll er selbst gesagt haben, man habe ihm „Aqua Tofana“ gegeben. Historiker bewerten diese Aussage heute eher als Ausdruck seiner Angst und Erschöpfung. „Es gibt keine belastbaren Beweise für eine gezielte Vergiftung“, betont der Wiener Archivforscher Karl Leitner. „Aber es gibt viele Hinweise auf eine massive, unbehandelte Infektion.“
Brisant ist, dass damals keine Obduktion durchgeführt wurde. Ein ehemaliger Kurator des Mozarthauses erklärte anonym: „Die Ärzte standen vor einem Körper, der sich schnell veränderte. Man entschied sich gegen eine Sektion – aus Zeitdruck, aus hygienischen Gründen und wohl auch aus Unsicherheit.“ Damit ging eine einmalige Chance verloren, Klarheit zu schaffen.
Besonders bewegend sind die wenigen erhaltenen Aussagen aus Mozarts engstem Umfeld. Sein Schüler Franz Xaver Süßmayr berichtete später, Mozart habe bis kurz vor dem Ende diktiert. „Er hörte die Musik noch im Kopf“, schrieb Süßmayr. „Selbst als sein Körper aufgab, arbeitete sein Geist weiter.“ Diese Szene widerspricht dem Bild eines sanft entschlafenen Komponisten – sie zeigt einen Mann, der kämpfte.
Ein oft zitierter Mythos verbindet Mozarts Leiden mit der „Mondscheinsonate“. Tatsächlich stammt dieses Werk von Beethoven, nicht von Mozart. Doch die Legende hält sich, weil sie ein romantisches Narrativ bedient: Kunst, geboren aus Schmerz. Was stimmt: Mozart komponierte bis zuletzt, unter extremem körperlichem Stress. Sein Requiem blieb unvollendet – ein Detail, das Generationen von Spekulationen befeuerte.
Neue medizinische Studien, basierend auf historischen Symptombeschreibungen, favorisieren heute eine Kombination aus Infektion und Organversagen. Eine Arbeitsgruppe der Universität Kopenhagen veröffentlichte vor einigen Jahren eine Analyse, die auf eine akute rheumatische Erkrankung mit sekundären Komplikationen hindeutet. Ein beteiligter Forscher sagte: „Das erklärt Fieber, Hautreaktionen und Ödeme – und auch den schnellen Verlauf.“
Ein weiteres verdrängtes Kapitel betrifft Mozarts Lebensumstände. Er war überarbeitet, finanziell unter Druck und lebte in schlecht beheizten Wohnungen. Sein Immunsystem dürfte geschwächt gewesen sein. Eine Biografin formulierte es drastisch: „Mozart starb nicht nur an einer Krankheit. Er starb an Erschöpfung, Armut und einem medizinischen System, das kaum helfen konnte.“
Auch Constanze Mozarts spätere Aussagen wurden lange unterschätzt. In Briefen erwähnte sie den „süßlich schweren Geruch“ im Krankenzimmer – ein Detail, das Mediziner heute mit schweren Infektionen in Verbindung bringen. Ein pensionierter Pathologe erklärte: „Das kann auf Gewebezerfall hindeuten. Es ist ein Zeichen dafür, wie ernst die Lage war.“
Warum wurde all das jahrzehntelang beschönigt? Historiker sehen darin den Wunsch des 19. Jahrhunderts, Mozart als reines, fast überirdisches Genie darzustellen. Körperlicher Verfall passte nicht in dieses Ideal. Ein ehemaliger Museumsdirektor gab offen zu: „Man wollte den Mythos schützen. Das Leid wurde ausgeblendet.“
Erst moderne Forschung wagt es, den Menschen hinter dem Genie zu zeigen. Briefe, Arztberichte und Zeugenaussagen werden neu gelesen, ohne romantische Filter. Dabei entsteht das Bild eines jungen Mannes, der unter extremen Bedingungen arbeitete und dessen Tod wahrscheinlich medizinisch erklärbar ist – auch wenn ein letzter Beweis fehlt.
Ein Insider aus dem Wiener Stadtarchiv sagte: „Wir entdecken immer wieder Randnotizen in alten Akten. Kleine Details, die früher niemand wichtig fand.“ Diese Fragmente verändern langsam das Gesamtbild. Mozart war kein mysteriös Vergifteter in einem dramatischen Komplott, sondern höchstwahrscheinlich Opfer einer schweren, rasch verlaufenden Krankheit.
Am Ende bleibt eine ernüchternde Wahrheit: Das größte musikalische Genie seiner Zeit starb, wie viele andere Menschen damals, an etwas, das heute oft behandelbar wäre. Sein Tod war nicht poetisch. Er war chaotisch, schmerzhaft und geprägt von medizinischer Hilflosigkeit.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik. Mozart hinterließ der Welt unsterbliche Musik – doch selbst er war den Grenzen seiner Epoche ausgeliefert. Die Geheimnisse seines Todes lehren uns weniger über Verschwörungen als über die Zerbrechlichkeit selbst außergewöhnlicher Leben.